In der Kunst gibt es eine Degenerationserscheinung, die recht häufig zu beobachten ist: Dinge, die eigentlich ausgesprochener Zweckkunst zugehören, verleugnen ihren ursprünglichen Zweck und machen sich gewissermaßen selbständig! Beispiel: Der japanische Netsuke, der sich aus einem verzierten Kopf, der das Tabakbesteck zu halten hatte, zu einem selbständigen, kleinkünstlerischen Zier- und Sammel-Gegenstand entwickelt hat, an dem nichts Knopf- oder Knebel-haftes mehr zu bemerken ist. Nur zwei traditionelle Schnurlöcher, irgendwo versteckt angebracht, reden noch leise von einstiger Aufgabe. Die gleiche Entwicklung nahm bis zum Kriegsbeginn das Exlibris. Ursprünglich Buchzeichen mit dem Zweck, einem Buche den Eigentümernamen einzufügen, entwickelte es sich in Format und Charakter zum selbständigen Kunstwerk, das, nur noch Sammelobjekt, gar nicht mehr daran dachte, seine eigentliche Aufgabe zu erfüllen. Solche Verirrungen wider den Sinn einer Sache haben kein langes Leben und es ist kein Wunder, daß unsere sachliche Zeit, dem in jeder Beziehung hypertrophen Exlibris abhold ist und energisch begonnen hat, sich wieder des wahren Zweckes und Sinnes der Exlibris-Kunst zu erinnern. So ist eine neue Buchzeichenkunst entstanden, die sich entschlossen nur auf dem Boden der Schriftkunst stellt und sich bemüht, kurz und klar zu bezeichnen. Alle verwickelte Allegoristerei, alle umständliche Symbolik, aller graphische Lyrismus wird vermieden! An Stelle anspruchsvoller Formate tritt ein zweckmäßiger Markenumfang und so haben wir jetzt ein für jeden ernsten Büchereibesitzer brauchbares und dabei doch künstlerisches Bezeichnungsmittel. Unter den Künstlern, die sich um die letzte Ausbildung dieser Gedanken beachtenswerte Verdienste erworben haben, ist Otto Reichert von Offenbach zu nennen. Er hat ein feines Gefühl für das Monogrammistische, dem er immer neue Reize abzugewinnen und das er immer wieder zur charakteristischen Dominate des Markenbildes zu gestalten versteht. Seine Schriften aber, von echt Offenbacher Schreiberart, - sie zittern immer lebendig handgeschrieben - wissen in abwechslungsreichster Art zu umrahmen und die gefundene Schlagmarke anmutig zu interpretieren.
Kuno Graf v. Hardenberg
Aus: Deutsche Kunst und Dekoration. 32.1929. Heft 8. S. 131
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