08.08.2025

Rudolf Koch zum Gedächtnis

Der Kunst-Dienst in Spandau hat das Verdienst, kurze Zeit nach dem Tode Rudolf Kochs (am 9. April) eine Übersicht über sein Werk im alten Kunstgewerbe-Museum in Berlin auszustellen. Wenige Wochen vor seinem Tode konnte man Koch noch selber in Berlin über "Das Deutsche in der Druckschrift" sprechen hören; ein Thema, das ihm schwer auf der Seele lag und wie ein Leitmotiv sein ganzes Leben und Schaffen begleitet hat. Denn wieviel Druckschriften er, in treuer Gemeinschaft mit dem ideal gesinnten Schriftgießer Dr. Karl Klingspor in Offenbach am Main auch geschaffen hat, und darunter nicht wenige, die ihre Grundform von der Antike nahmen, seine Seele hing von Urbeginn allein an deutscher Form und an handwerklicher Wahrhaftigkeit: dies ist das Auszeichnende an Rudolf Koch, dem Mann, dem Schriftkünstler, dem tief religiös veranlagten Deutschen; und es wird wohl niemand geben, der dies nicht sogleich am geringsten seiner Werke erkennt. Der Kunstdienst hat mit Recht diese Zwillingseigenschaft bei ihm herausgehoben: das Deutsche, das handwerklich Gesinnte, an der großen Tradition seiner Vaterstadt Nürnberg Gebildete und das religiöse Gefühl von protestantischer Färbung, das seiner Schöpfung die eigentümliche Tiefe verleiht. Dem Schriftkünstler Koch - oder, wie er in seinem Kreise stets nur genannt wurde, dem Meister - strömte alle Erfindung von Lettern, Symbolen, Illustrationen aus der unbedingten Sicherheit graphischen Gefühls, und das bedeutete bei ihm den ganz ursprünglichen Sinn der Sache: aus der Handhabung der Schreibfeder, die den Sinn des gesprochenen Wortes mit geschriebenen Buchstaben nachtastend formt. Wie keinem andern der Neuschöpfer unserer Schrift, die seit 1900 am Werke sind, war ihm das Wort Geist und der Buchstabe Baustein des Geistes; aus dem lebendigsten Verstehen Luthers und Goethes, aus Christi Wort wie aus Zarathustra formten sich ihm unmittelbar seine Schriftzeichen in Schwarz-Weiß. Darum [...] Schreibkunst nicht zu beliebiger profaner Verwendung, sondern zum Dienste Gottes und seines Geistes; alles, was er je geschrieben oder mit Lettern gesetzt hat, ist vom Atem hoher Geistigkeit bewegt, und er empfand es fast als Entwürdigung, wenn man seine Typen zum Anzeigen-Akzidenzdruck benutzte.

Dabei war Rudolf Koch alles andere als ein "Frommer" oder gar Ästhet. Das schönste Denkmal hat er dem deutschen Familiensinn in der köstlichen Folge von Scherenschnitten gesetzt, die als "Das Leben einer Familie in Schattenbildern" 1918 in den Rudolfinischen Drucken (bei Gerstung in Offenbach) herauskamen und ihn selbst im Kreise seiner Familie in naiver und selbstverständlicher Weise, so wahr wie anmutig schildern. Seine Schüler und Mitarbeiter hingen an ihm wie an einem Vater, und wirklich verdankten sie seinem niemals autoritativ betonten Vorbild das Beste ihres Schaffens, als Schriftzeichner, Illustratoren (worin vor allem Fritz Kredel über ihn hinausstrebte), Weber oder Sticker, und die Offenbacher Schreibergilde führt auch nach seinem Tode seine Tradition getreulich fort.

Rudolf Koch, als Sohn eines Bildhauers am 20. November 1876 in Nürnberg geboren, kam vom Handwerklichen her, als gelernter Metallziseleur, autodidaktisch zur Schriftkunst, 1903; seine selbständige Tätigkeit begann, als ihn Karl Klingspor 1906 an seine Offenbacher Schriftgießerei zug. 1908 vertraute ihm Hugo Eberhardt, der Leiter der Technischen Lehranstalten in Offenbach, die Leitung der Schriftklasse an, mit der er eine so beispielhafte Schule begründete, und 1910 kam seine erste und berühmteste Type, die Deutsche oder Koch-Schrift in drei Graden heraus, die seinen Namen bekannt gemacht hat. Bis zu seinem Tode hat er über 20 Schriften entworfen, zum Teil selbst direkt in den Stempel geschnitten (z.B. die starke "Neuland"); ihre Formen sind so abweichend von einander und so phantasievoll, daß man oft nur bei feinstem Verständnis die Grundhaltung, den einheitlichen Geist, der sie beseelt, zu durchschauen vermag, wie z.B. bei der kühnen, fast handschriftlich wirkenden "Hella", seinen Grotesken und der "Prisma", die nur mit Zirkel und Lineal aus vier Parallellinien konstruiert ist. Wer das Geistige in dieser ganz aus dem Handwerk und den praktischen Bedürfnissen des Buchdrucks hervorgegangenen Formen zu sehen vermag, wird überall den großen, männlich empfindenden Menschen Koch und sein tiefes Gemüt dahinter erkennen. Am unmittelbarsten äußert sich sein Charakter in den herrlich geschriebenen, so unvergleichlich verschieden gestalteten Sprüchen, die er aus der Bibel, aus Luthers Schriften, aus deutschen Dichtern nahm und zu absoluten Meisterwerken der Schwarzweißkunst machte. Hier ist Koch überall untadelig, und man empfindet mit Beglückung das ganz von Grund auf Deutsche seiner Seele und seiner Handschrift, und immer auch das religiöse Gefühl, das ihn bei der geringsten Arbeit durchdrang.
Seit dem Kriege hatte Koch viel zu leiden unter der Ungunst gewandelter Zeit, die sich im Buchgewerbe vor allem als Mechanisierung, als Streben nach öder Gleichmacherei (in antikischer Groteskschrift) äußerte. Sein Werk schien unzeitgemäß und sein Kampf um die deutschen und handwerklichen Eigenwerte der Schrift, in herrlichen Worten oft und überall ausgesprochen, so gut wie aussichtslos. Erst die Erneuerung der Nation durch den Nationalsozialismus hat auch hier gründlich und endgültig Wandel geschaffen, und wir können aufatmend bekennen, daß das Lebenswerk dieses Mannes anfängt, die vorbildliche Stellung in unserm Dasein einzunehmen, die ihm gebührt. 
In: Kunst der Nation. 2.1934.

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